Late Presenter: Warum eine frühe HIV -Diagnose Leben rettet

HIV -Infektionen werden in Deutschland trotz ausreichend verfügbarer Testangebote noch immer in 30 bis 50 % der Fälle erst festgestellt, wenn das Immunsystem durch die Infektion bereits erheblich geschädigt ist. Die Betroffenen bezeichnet man als „Late Presenter“. Eine frühe Diagnose der HIV -Infektion ist sowohl im Interesse der Infizierten selbst als auch im Interesse der Gesellschaft, denn sie erhöht die Lebenserwartung der betroffenen Personen und verringert das Risiko einer Weitergabe der Infektion entscheidend.

HIV-Infektion wird oft spät diagnostiziert
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Zwischen der HIV -Infektion und dem Auftreten eines Immundefekts liegen in den meisten Fällen viele Jahre. In diesem Zeitraum fühlen sich die Betroffenen überwiegend gesund, während das Virus unbemerkt das Immunsystem zunehmend schädigt. Ein Teil der Late Presenter erhält in einem fortgeschrittenen Stadium der HIV -Infektion erstmals ein positives Testergebnis, weil er sich früher nicht testen ließ. Einem anderen Teil war bei erstmaliger Vorstellung zur Behandlung das positive Testergebnis bereits bekannt, ohne dass bisher eine Behandlung gesucht wurde.

Was sind die tiefer liegenden Gründe für die späte Diagnosestellung, welche Auswirkungen hat ein später Behandlungsbeginn, und wie lässt sich die Zahl der Late Presenter reduzieren?

Was versteht man unter einem „Late Presenter“?

Von einem Late Presenter spricht man, wenn bei erstmaliger Vorstellung zur Behandlung der HIV -Infektion das Immunsystem bereits stark geschädigt ist. Dies erkennt man daran, dass die Anzahl der CD4-Zellen unter 350 pro Mikroliter Blut liegt oder bereits Aids-definierende Erkrankungen aufgetreten sind. CD4-Zellen, auch Helferzellen genannt, sind eine Art von weißen Blutkörperchen, die für die Funktion des Immunsystems eine wichtige Bedeutung haben. Sie werden durch das HI-Virus angegriffen und zerstört, so dass ihre Anzahl im Blut abnimmt. Normalweise liegt ihre Zahl bei über 500 pro Mikroliter Blut.

Die Verringerung der CD4-Zellen führt zu einer Anfälligkeit für bestimmte Erkrankungen, die bei Menschen mit normal funktionierendem Immunsystem gewöhnlich nicht auftreten. Dazu gehören zum Beispiel einige Formen der Lungenentzündung (z. B. Pneumocystis carinii-Pneumonie und einige bakterielle Lungenentzündungen), bestimmte bösartige Tumoren (z. B. Kaposi-Sarkom) und Infektionen des zentralen Nervensystems (z. B. Toxoplasmose und Zytomegalie). Sie werden als Aids-definierende Erkrankungen bezeichnet.

Warum ist die frühzeitige Diagnose der HIV -Infektion so wichtig? 

Wird die HIV -Infektion bereits zu einem frühen Zeitpunkt festgestellt, kann durch eine antiretrovirale Therapie (ART) die Vermehrung des HI-Virus im Körper in den allermeisten Fällen wirksam gehemmt und so eine Schädigung des Immunsystems verhindert werden. Dann treten auch keine opportunistischen Infektionen oder anderen Aids-definierenden Erkrankungen auf. Man geht heute davon aus, dass ein frühzeitig und konsequent behandelter Patient die gleiche Lebenserwartung haben kann wie ein HIV -Negativer. Wird die Infektion dagegen erst festgestellt, wenn das Immunsystem bereits stark in Mitleidenschaft gezogen ist, erschwert das die Behandlung, und es besteht ein erhöhtes Risiko, potenziell lebensbedrohliche Aids-definierende Erkrankungen zu erleiden.

Warum ist der Anteil der Late Presenter so hoch?

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe, die beide psychologischer Natur sind.

Der erste ist leicht nachvollziehbar: Angst. Es ist zum einen die Angst, sich einer potenziell lebensbedrohlichen und auf jeden Fall lebensverändernden Diagnose stellen zu müssen. Hier unterscheiden sich die Betroffenen wohl kaum von Menschen, die empfehlenswerte Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen wie zum Beispiel eine Darmspiegelung zur Darmkrebsvorsorge nicht wahrnehmen. Zum andern spielt die Angst vor der mit der HIV -Infektion noch immer verbundenen Stigmatisierung und Diskriminierung (auch innerhalb der LGBTI -Szenen!) eine zentrale Rolle. Diese Angst ist besonders hoch bei Männern, die Sex mit Männern haben, da sie häufig bereits aufgrund ihrer sexuellen Orientierung leidvolle Erfahrungen mit Ausgrenzung gemacht haben.

Der zweite Grund ist vielleicht zunächst schwerer nachvollziehbar, aber dennoch äußerst bedeutend. Er hat etwas mit mangelnder Selbstliebe zu tun. Wie viele Angehörige anderer Minderheiten hat auch ein Teil schwuler Männer ablehnende und feindselige Einstellungen der Umwelt gegenüber Homosexualität unbewusst übernommen und in ebenfalls unbewusste Selbstablehnung umgewandelt (siehe hierzu den Artikel „Schuldgefühle, Scham und Selbsthass bei HIV-Patienten). Diese Selbstablehnung kann sich unter anderem in mangelnder Sorge um die eigene Gesundheit äußern. In mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen konnte folgerichtig festgestellt werden, dass sich schwule Männer mit einem hohen Maß an unbewusster Selbstablehnung (internalisierte Homophobie ) seltener auf HIV testen lassen. Wenn die frühzeitige Diagnose der HIV -Infektion Leben rettet, stellt sich hier die Frage: Halte ich mein Leben für wert, gerettet zu werden?

Wie kann die frühe Behandlung der HIV -Infektion gefördert werden?

In erster Linie muss der Zugang zum HIV -Test und zur Behandlung erleichtert werden. Dazu gibt es praktisch-organisatorische und gesellschaftlich-politische Ansätze.

Aufklärung über Fakten: Die Angehörigen von Risikogruppen müssen verstehen, warum es wichtig ist, sich regelmäßig testen zu lassen und welche gesundheitlichen Vorteile mit einer frühzeitigen Diagnose verbunden sind. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten.

Niedrigschwellige Testangebote: Niedrigschwellig ist ein Testangebot, wenn man sich anonym und kostenlos testen lassen und bei den Teststellen sicher vor Diskriminierung sein kann. Hilfreich ist auch die Sicherheit, im Fall eines positiven Testergebnisses unmittelbare Unterstützung zu bekommen.

Abbau von Stigmatisierung und Diskriminierung : Testangebote können nur helfen, wenn es auch gelingt, die Zielgruppen zum HIV -Check zu motivieren. Dies wird man nur erreichen, indem man die oben dargestellten Hindernisse abbaut, die im Wesentlichen in Ängsten vor Diskriminierung und in mangelnder Selbstfürsorge bestehen. Konkret bedeutet das: Abbau von gesellschaftlicher Stigmatisierung und Diskriminierung ebenso wie mehr Angebote zur Förderung der seelischen Gesundheit für Angehörige der Risikogruppen. Dies sollte bereits in der Schule mit der Förderung positiver Einstellungen zu von der gesellschaftlichen Norm abweichender Sexualität beginnen. Aber auch innerhalb „der Szene“ gibt es hier noch viel zu tun.

PrEP: Da die Nutzer der PrEP (Präexpositionsprophylaxe, Einnahme eines Medikaments durch HIV -Negative zur Verhinderung einer HIV -Infektion) alle drei Monate auf HIV getestet werden müssen, stellt die wachsende Bedeutung dieser Schutzmaßnahme eine große Chance dar. Die regelmäßige Testung kann ggf. eine sehr frühzeitige Diagnose gewährleisten und den baldigen Behandlungsbeginn ermöglichen.

Autor: Dr. Steffen Heger

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