Gesund bleiben mit HIV : Wechsel aus Anspannung und Entspannung

Ein regelmäßiger Wechsel von Anspannungs- und Entspannungsphasen ist wichtig für Körper und Seele, gemäß dem Werbeslogan „Eat, Sleep, Work(out), Repeat“. Andauerndes körperliches wie geistiges Nichtstun einerseits oder pausenlose Daueraktivität andererseits tun dagegen auf Dauer weder dem Körper noch der Seele gut.

HIV und Entspannung
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Klagen über Stress, Erschöpfung oder gar „Burnout“ gehören für viele Menschen zum Alltag. Bei näherem Hinsehen werden diese Klagen von den Betroffenen aber zwiespältig erlebt: Während „Stress“ zwar als belastend empfunden wird, dient er häufig auch der Steigerung des Selbstwertgefühls. Nicht wenige demonstrieren damit sich selbst und anderen, wie aktiv und leistungsfähig sie sind. Es gibt aber noch viel mehr Gründe, warum Menschen sich über längere Zeit hinweg einer solchen Daueranspannung aussetzen und ihre Erholungs-bedürfnisse vernachlässigen.

Gründe für rastlose Daueraktivität 

Zum einen gibt es Lebenssituationen, in denen einem sehr viel Leistung abverlangt wird. Das ist insbesondere bei doppelt oder dreifach belasteten Personen der Fall, wenn zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter berufstätig ist und zusätzlich ihre hilfsbedürftigen Eltern versorgt. Gerade im Beruf wird häufig über die hohe Arbeitslast und das Arbeitstempo geklagt. Hier lohnt sich aber immer ein genaueres Hinsehen. Denn nicht selten zeigt sich, dass die Betroffenen selbst zu ihrer Überlastung beitragen. Wie das?

  • Viele haben Schwierigkeiten, auch einmal „Nein“ zu sagen, manchmal aus Angst, dadurch die Liebe, Zuneigung oder Anerkennung ihrer Bezugspersonen zu verlieren.
  • Hohe Ansprüche an sich selbst und ein Hang zum Perfektionismus sind bei chronisch überlasteten Menschen oft zu beobachten.
  • Auch mitunter gar nicht bewusste Ängste (es nicht zu schaffen, zu versagen, den Job zu verlieren, die Angehörigen zu verlieren usw.) spielen in vielen Fällen eine Rolle. Insbesondere bei Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen kann Selbstüberforderung auch ein Versuch sein, sich selbst zu beweisen, dass „man es noch kann“.
  • Mancher stabilisiert sein Selbstwertgefühl über pausenlose Aktivität und besondere Leistung.
  • Schließlich kann rastlose Daueraktivität auch eine Strategie sein, vor Einsamkeit und Depressionen oder anderen schmerzhaften Gefühlen „wegzulaufen“, sich davon abzulenken. Insbesondere Männer scheinen exzessive sportliche Betätigung als Antidepressivum zu nutzen.

Rastlose Daueraktivität geht meistens nur eine gewisse Zeit gut. Erste Erschöpfungszeichen können gehäufte Infekte oder auch typische körperliche Anspannungssymptome wie Kopf- oder Muskelschmerzen sein. Nicht selten treten diese besonders heftig zu Beginn einer ungewohnten Entlastungsphase (z. B. Urlaub, Wochenende) auf. Werden diese Warnzeichen ignoriert, droht auf längere Sicht das, was üblicherweise als „Burnout“ bezeichnet wird. Das kann sich in psychosomatischen Beschwerden, Depressionen oder Angsterkrankungen äußern.

Was entspannt dich?

Das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ ist zwar durchaus zutreffend. Dennoch brauchen Körper und Geist regelmäßige Auszeiten zur Regeneration. Die notwendigen Erholungs-pausen werden mit zunehmendem Alter länger. Auch bei akuten sowie bei vielen chronischen Erkrankungen ist der Ruhebedarf größer. Im Idealfall hörst du auf deine Bedürfnisse, auf die Signale deines Körpers und deiner Seele, und versuchst, ihnen nach Möglichkeit zu folgen. Was als Entspannung empfunden wird, ist individuell verschieden. Der eine liegt auf einer Wiese und guckt den Wolken zu, der andere entspannt bei einem Buch oder in der Badewanne, wieder ein anderer beim Kochen, bei der Gartenarbeit oder in einem Konzert. Es gibt also Entspannung in äußerer Untätigkeit und Entspannung in bestimmten ruhigen Aktivitäten.

Wie entspannst du dich am liebsten?

Entspannung im Alltag mit HIV finden
Entspannung im Alltag mit HIV finden

 

Eine Tagesstruktur ist hilfreich

Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Anspannungs- und Entspannungsphasen ist der Gesundheit auf Dauer am ehesten zuträglich. Um diesen stetigen Wechsel zu schaffen, helfen regelmäßige Tages- und Wochenabläufe. Strukturgeber können sein:
  • Feste Zeiten zum Aufstehen und Schlafengehen und zum Essen
  • Regelmäßige körperliche Aktivität
  • Festgelegte Arbeitszeiten. Das muss keine Erwerbstätigkeit sein. Falls du arbeitslos oder berentet bist, kann z. B. eine ehrenamtliche Aufgabe diese Funktion übernehmen.
  • Regelmäßige soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten
  • Fest eingeplante Entspannungs- und Mußezeiten

 

Welche Regelmäßigkeiten sind dir wichtig?

Für viele Menschen ist eine klare und planbare Tagesstruktur ausgesprochen nützlich. Das gilt besonders, wenn du an einer seelischen Erkrankung leidest. Gerade Depressive beklagen oft den Verlust der Tagesstruktur und des Zeitgefühls. Hier kann es hilfreich sein, einen Tages- und Wochenplan aufzustellen. Mit den darin geplanten Aktivitäten solltest du dich aber nicht überfordern, sondern nur so viel planen, wie du dir realistischerweise zutraust. Lieber etwas weniger planen und am Ende stolz auf das Erledigte sein, als dir zu viel zuzumuten und am Ende frustriert über das Unerledigte sein. Berücksichtige bei der Planung deinen biologischen Rhythmus. Es gibt Frühaufsteher und Langschläfer. Das ist überwiegend genetisch bedingt und kaum veränderbar. Wenn du z. B. Langschläfer bist, solltest du deine Hauptaktivitäten eher auf den Nachmittag oder den Abend legen.

Rituale statt Zwänge

Vielleicht empfindest du die Vorstellung derart regelmäßiger Abläufe als Einengung. Da sind die Menschen sehr verschieden. Es geht hier um Rituale, nicht um Zwänge. Rituale, also planbare und festgelegte Abläufe, können das Leben erleichtern und gerade in turbulenten Zeiten Halt und Sicherheit geben. Seelische Gesundheit bedeutet allerdings auch Flexibilität, also die Möglichkeit, bei Bedarf von den gewohnten Abläufen abweichen zu können. Manchmal kann es sehr befreiend sein, Gewohnheiten zu verändern, etwas anders zu machen als gewohnt und einmal etwas Neues auszuprobieren – ob es ein anderes Frühstück ist, ein ungewohnter Weg zur Arbeit oder eine neue Sportart. (Innere) Zwänge dagegen sind alle Abläufe, die man aus innerer Unfreiheit heraus nicht variieren kann, ohne sich deswegen schlecht zu fühlen, obwohl dies – objektiv betrachtet – nicht nötig wäre. Sie engen das Leben ein, und man sollte sie wenigstens ab und zu in Frage stellen. Dein Bedürfnis nach mehr oder weniger festen Strukturen und mehr oder weniger ritualisierten Abläufen kann sich im Laufe der Zeit und abhängig von deiner Lebenssituation verändern. Es ist gut, wenn du deine entsprechenden Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen folgen kannst.

Autor: Dr. Steffen Heger

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